Im Test: The Order 1886

Laut einer Studie gibt es im London an 366 Tagen im Jahr Nebel, wenn nicht sogar mehr. Gut, vereinzelt lässt sich auch mal kurz die Sonne blicken, das ist aber die Ausnahme. Das war natürlich im victorianischen Zeitalter (benannt nach Königin Victoria, falls wer fragen sollte…) nicht viel anders. Im Gegenteil. Den gerade die industrielle Revolution sorgte dafür, dass das Stadtbild mehr oder weniger in einem schmutzigen graubraun „erstrahlte“. Zumindest sorgte der technische Aufschwung für allerhand Neuerungen: U-Bahnen. Elektrizität, oder auch moderne Waffen.

Kaum einer weiß wohl noch heute, dass es damals auch eine ziemliche Werwolfplage in der Stadt gab. Für Recht und Ordnung (sowie Werwölfe freie Straßen) sorgten sich in London (bzw. England) seit je her ein ritterlicher Orden (genannt: Der Orden. Nicht wirklich einfallsreich. Marketing war damals allerdings noch nicht erfunden worden). Mit technischen Schnickschnack und ziemlich effektiven Waffen (zu verdanken ist dieser Fortschritt Nicolas Tesla) ausgerüstet, ziehen so Sir Galahad durch die Stadt und um auch aus der Luft alles im Blick zu haben, sorgen mächtige Luftschiffe dafür, dass auch wirklich kein Verbrechen unentdeckt bleibt.

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Etwas ist faul im Staate Däne… äh… im vereinigten Königreich, denn eine Untergrundorganisation sorgt mit feigen Terroranschlägen für jede Menge Unordnung. Da kann mitunter mal die Bedrohung der Lykaner (in der Stadt streifen übrigens nicht nur „verwandelte“ Werwölfe umher, sondern man erzählt sich auch, dass alt ehrwürdige Blutlinie der „echten“ Werwölfe nie ausgestorben ist) zu einem eher kleinen Nebenkriegsschauplatz werden. Trotzdem: Irgendwas stimmt hier nicht. Anscheinend frisst sich die Organisation der Verschwörer wie ein Pilz durch alle Ebenen und es scheint fast so, als ob auch der Orden irgendwie nicht ganz „unschuldig“ ist. Das Staatsgefüge ist jedenfalls erschüttert. Wer aber ist der Drahtzieher dieser Verschwörung und viel wichtiger: Wer sind hier nun eigentlich die Guten? Diese Frage wird nun im PS4 exklusiven „The Order: 1886“ gelöst werden. Seltsam, dass man in den Geschichtsbüchern von all dem nichts lesen kann…

Eins mal vorweg: Schon bevor „The Order: 1886“ überhaupt veröffentlicht wurde, gab es viel Geschrei aus allen Ecken und Enden des Interwebz (das bekanntermaßen nie lügt), dass uns mit mit Titel mal wieder win überhypter Flop erwarten wird. Zu kurz, zu repitativ, nichts neues, ein 08/15-Shooter und nicht mal einen Multiplayer Modus soll das Spiel haben. Bis auf den Multiplayer Modus, treffen diese „Anschuldigungen“ aber irgendwie auch auf jeden jährlichen Call of Duty Titel zu… oder Assassin’s Creed. Komisch nur, dass diese Titel aber immer weggehen, wie frisch geschnitten Brot. Professionelle Trolle (und damit mein ich auch „professionelle Journalisten“) haben im Vorfeld schon mal gute Arbeit geleistet, um einen den Spaß zu verderben. Verletze Fanboy Gefühle lösen die schlimmsten Schmerzen aus. Sei’s drum. Gehen wir mal wieder zur „Review“ über.

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Als die Blu-ray im Laufwerk wie ein kleines Kätzchen schnurrte und nach dem Ladebildschirm man endlich ins Spiel einsteigen konnte, gab’s auch den ersten „Aha-Effekt“. Oder eher mehr „Wow.Effekt“. Die Grafik, die „The Order: 1886“ zu bieten hat, ist wohl das Schönste, was es bisher auf Konsolen zu sehen gab! Für einen mehr „cineastischeren Effekt“ sorgt ein Letterbox-Format, das dafür sorgt, dass das Spiel nicht ganz im „Vollbildformat“ erscheint. Über die Grafiken, wurde zudem ein Filter gelegt, der dem Ganzen einen wunderbar dreckigen „Glanz“ verleiht. Vermutlich ist das eher eine Frage des Geschmacks, aber die Präsentation als solche ist wirklich, wirklich hübsch. Und wer sich mal die Zeit nimmt (und dazu hat man im Spiel sehr oft die Gelegenheit), kann sich mal in den Zwischensequenzen (und in den Zwischensequenzen während der Zwischensequenzen) mal die Gesichtsanimationen und die Texturen mal unter die Lupe nehmen: Beinahe „Fotorealistisch“. Die hohe Grad der Details ist wirklich hervorragend! Ready At Dawn hat hier schon mal eine mehr als gute Leistung erbracht!

Nachdem man nun seinen Mund wieder geschlossen und die Sabberspuren weggewischt hat, darf man auch gleich seinen Charakter, Sir Galahad, durch das erste Szenario steuern. Irgendwie hab ich mich an das gute alte Heavy Rain erinnert gefühlt. Aufploppende weiße Kreise zeigen an, mit welchen Elementen man interagieren darf und auch die nicht immer so beliebten Quick Time Events (kurz QTE) aus dem Hause Quantic Dreams, scheint man bei den Entwicklern von Ready at Dawn so gut gefunden haben, dass man sie in vereinfachter Form in „The Order: 1886“ einbaute, was aber keinesfalls irgendwie als störend empfunden werden kann. Ein wenig kann man diese Gameplaymachanik mit dem PSP Spiel „God of War: Chains of Olympus“ vergleichen, dass übrigens auch von Ready at Dawn umgesetzt wurde. Die Balance zwischen „normalen Handlungen“ und QTEs hält sich also in Waage.

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„The Order: 1886“ ist in erster Linie ein Shooter aus der 3rd Person Perspektive. Das Rad muss hier auch nicht neu erfunden werden, da es schon gute Beispiele gibt, die die Gameplaymechanik hier „perfektioniert“ haben (oder zumindest „ansatzweise“). Ready at Dawn hat sich die Mechaniken aus Uncharted wohl näher angeschaut und diese als „passend“ empfunden. Grundsolide, wenn man so will. Viel „run and gun“ gibt es nicht. Man sucht sich also hier primär Deckung und versucht so aus dieser Position heraus die Gegner auf’s Korn zu nehmen.

Gekämpft wird nicht immer allein. Meist ist der Ritterorden im Team unterwegs. Zur Kampfgruppe gesellen sich meist Lady Igraine, Sir Perceval und Marquis, der Quoten-Franzose im Team, der ab und an mit seinen „Charme“ die Story ein wenig auflockert. Jeder der Nebendarsteller, hat seinen ganz eigenen Charakter, den man zwar nicht unbedingt mögen muss, aber dem Spiel eine ordentliche Portion Lebendigkeit spendiert. Im Verlauf schließt man sie aber alle ins Herz, besonders natürlich Sir Galahad, den gebeutelten Hauptdarsteller. Kritisieren könnte man, dass man bei all den Charakteren und auf deren erzählerische Fokussierung ab und an die Story selbst vergessen hat.

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Ganz und gar nicht bei der Entwicklung hat man die Ausgestaltung des Szenarios vergessen. Alle Außen- und Innenumgebungen sind mit allerhand Details gefüllt, die man untersuchen darf, wenn man sich die Zeit nimmt. Auch wenn Feuergefechte die Ruhe stören, sollte man trotzdem jeden Winkel mal genauer unter die Lupe nehmen. Es ist wirklich bezaubernd, wie Ready at Dawn das Spiel mit… und hier wiederhole ich mich… „Lebendigkeit“ füllt. Auch sollte man sich die „Umwelt“ genauer ansehen. Die Grafik ist fantastisch! Nicht alles ist graubraun, wie Eingangs überspitzt geschrieben. Besonders die Lichteffekte sind ausserordentlich, was besonders für Feuereffekte zählt. Aber auch das Stadtbild selbst ist wunderhübsch. Im Hintergrund sieht man Schiffe im Hafen einfahren, am Himmel schweben die bedrohlich wirkenden Luftschiffe und London selbst, beziehungsweise die Gebäude der Stadt, wurden mit detaillierten Texturen beklebt. Die viktorianische Zeit, oder die alternative Form, gemixt mit ein paar Steampunk-Elementen, wurde wirklich „glaubhaft“ inszeniert.

Leider lässt es das Spiel nicht zu, auch alles zu erforschen, da man sich eher auf vorgeschriebenen Pfaden bewegt (Schlaulevel, wenn ihr es negativ formuliert haben wollt). Die Story selbst ist von daher starr und gibt keine bewegungstechnischen Freiräume. Zu Beginn holpert die Story selbst noch ein wenig dahin und kommt eher langsam in Fahrt. Erst in den letzten Spielstunden entfaltet sie sich in ihrer „ganzen Pracht“.

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Die maximalen 5 Stunden, von denen man im Vorfeld lesen musste, die das Spiel dauern soll, stimmen nicht mit der wirklichen Länge überein. Da aben die Trolle ein wenig untertrieben. Allerdings nicht viel. Sieben Stunden sind es im Schnitt, wenn man das Spiel mit der mittleren Schwierigkeit durchspielen möchte. Mehr ist dann aber wirklich nicht drin, ausser man lässt sich viel Zeit mit dem Erforschen der Spielwelt, was eher meiner Vorliebe entspricht. Ein Speedrun macht überhaupt keinen Sinn, ausser man hat keinen Bock auf Story.

„Rushen“ selbst, wird aber auch an allen Ecken und Enden „erschwert“ denn „The Order: 1886“ ist vollgepackt mit kleinen Filmsequenzen, die auch unvermittelt im Plott auftauchen (zum Beispiel: Ein Gang wird mit einer Ladung Holz blockiert. Eine kleine Firmenblendung erscheint, die auf die aktuelle Problematik eingeht, erst dann darf gehandelt werden… kurz danach folgt meist wieder eine Filmsequenz). Das hin und her wechseln zwischen Zwischensequenzen und gespielter Handlung wurde aber (meiner Meinung nach) optimal umgesetzt, auch wenn ich anfangs das Gefühl hatte, dass man zu oft das Spiel mit Filmsequenzen „entschleunigt“. Allerdings lässt sich so die Handlung wunderbar erzählen.

Feuergefechte machen wirklich Spaß. Die retrofuturistischen Waffen „fühlen“ sich gut an. Die Umgebung wird teilweise durch den Einsatz von Waffengewalt zerstört, Feinde reagieren „realistisch“ auf den Beschuss (teilweise recht blutig, wenn man die entsprechende Waffe im Besitz hat) und Nahkampfattacken lassen sich wunderbar einfach durchführen und ergeben in Verbindung mit den Waffen einen dynamischen Kampfablauf. Ab und an hat man es mit Schleich-Leveln zu tun, in denen man sich ausschließlich auf Nahkämpfe konzentriert und die Gegner somit ziemlich effektiv, als auch brutal ausgeschaltet werden. Erwischen lassen sollte man sich nicht. Wird man entdeckt, bedeutet das den sofortigen Tod und man muss den Abschnitt erneut spielen.

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Wie erwähnt, gibt es im Spiel nicht nur menschliche Gegner, sondern auch Werwölfe (und noch eine anderen überraschenden Gegnertyp, den ich hier wegen Spoilern nicht verraten möchte). Kämpfe gegen die Lykaner erfolgen in geschlossenen „Kampfarealen“. Hier bekämpft man entweder gleich ein Rudel dieser ziemlich widerspenstigen und harten Gegner, oder man bestreitet einen Bossfight gegen einen einzelnen, noch härteren Werwolf. Anfangs kann das eine harte Nuss sein, spätestens beim zweiten Kampf hat man aber den Dreh raus und die Angst vor den Lykanern verfliegt. Überraschungen gibt es kampftechnisch keine, denn Attacken laufen immer im selben Stil ab. Faktisch sind die meisten Kämpfe ziemlich hart „gescriptet“. Wie auch schon das Erforschen der Stadt keinerlei Freiräume bietet, hat man auch während der Kämpfe keine Wahl, als die vorgeschriebene Art und Weise der Entwickler, diese zu bestreiten: Kleine Feuergefechte, unausweichliche QTEs, weitere Feuergefechte, Ende.

Über die Waffen hatte ich bisher kein Wort verloren. Dabei sind diese doch gerade die „wichtigsten Elemente“ eines Shooters. Neben einer Reihe von eher klassischen Waffen, wie Pistolen, Shotguns, Maschinen- und „normalen“ Gewehren (Scharfschützengewehr, „pimped by Tesla“), gibt es noch eine Auswahl „exotischeren“ Witwenmachern, aus der Manufaktur Tesla. Berühmt für sein Strom-Fimmel, darf man daher auch jede Menge „Elektrostrahlenwaffen“ erwarten, mit teils enormer Durchschlagskraft (von den Gegnern bleibt nach einer Wolke aus Blut nicht mehr viel über). Spreng- und Rauchgranaten, runden das Waffenarsenal ab. Die Lieblingswaffe von mir? Das Thermitgewehr, mit dem man einen verheerenden Feuersturm auslösen kann. Hier darf man auch seine Anlage mal bedenkenlos aufdrehen.

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Fazit:
„The Order: 1886“ ist spielerisch keine Revolution, aber warum sollte man in dieser Richtung auch was erwarten? Man erhält ein solides Spiel, das mit Action nicht geizt. Das Setting ist eigentlich richtig cool, auch wenn man da die Sache mehr ausreizen hätte können. Definitiv zu kurz kommen die spielerischen „Freiheiten“, also der streng lineare Pfad, was aber insoweit Sinn macht, da man versucht hat, ein „cineastisches Gesamterlebnis“ abzuliefern, dass in sich stimmig sein, dann wiederum hätte man ein paar mehr Seiten Story schreiben müssen, um ein wirklich rundes Gesamtbild abliefern zu können. Da wirkt die Geschichte am Ende doch ein wenig zu holprig. Aber zumindest bietet „The Order: 1886“ das Potential für einen Nachfolger, in dem man die Fehler aus dem ersten Teil ausbügeln kann, Ein schwacher Trost vielleicht, aber immerhin besteht Hoffnung.

Die Grafik ist bombastisch und endlich mal auf „NextGen“ Niveau. Der Shooter-Part ist spaßig – bis auf die seichten Stealth-Einlagen, in denen man zwar schleicht, aber keine wirkliche Konsequenzen fürchten muss, wenn man einen Gegner ausschaltet. Die Leiche kann liegen bleiben. Die Gefahr besteht eher darin, einen QTE zu verpatzen.

Erfreulich ist und komisch, dass man das überhaupt erwähnen muss: „The Order: 1886“ kommt ohne schwere Bugs aus, die in irgendeiner Art das Spielgefühl trüben könnten.

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2 Kommentare

  1. irmscheri35 sagt: Antworten

    Feiner Test; und jenseits aller Unkenrufe. Mein Kumpel spielt es grad und er ist schwer begeistert. Die vermeintlichen Macken sieht er nicht als solche an. Es spielt sich klasse und man wird bestens unterhalten. Und audiovisuell ist es seiner Meinung nach über jeden Zweifel erhaben. Wenn er durch ist, bekomme ich es. Bin schon sehr gespannt… 😀

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