Im Test: Horizon Zero Dawn

Guerilla Games machte bislang mit eher düsteren, klaustrophobisch wirkenden, linearen Shootern auf sich aufmerksam. Die Killzone-Serie ist auf der PlayStation kaum wegzudenken und auch im Genre sucht die Serie ihresgleichen, unerreicht an der Spitze der Nahrungskette. Doch warum immer Shooter? Warum sollte man sein Können nicht auch mal in einem ganz anderen Genre beweisen? Und so entwickelte man Horizon Zero Dawn, ein Rollenspiel, angesiedelt in einem Setting, das Sci-Fi und archaische Kriegsführung mit einander verbindet und einer packenden Story, die viele Legenden und Mysterien zu erzählen hat. Spannend bleibt es zudem, ob der neue Stern am Himmel dem Hype auch gerecht wird. Technisch ist Guerilla Games unangefochten auf der Höhe der Zeit, bleibt nur noch die Frage offen, ob der Plot hier auch hinterher kommt.

Der Spieler übernimmt in Horizon Zero Dawn die Rolle von Aloy, ein Mädchen, das es seit Geburt an sehr schwer hat. Als Ausgestoßene des Nora-Stammes, musste sie als Kind sehr viel Leid erfahren und ertragen, doch zum Glück stand ihr stets der gute Rost, ebenfalls ein Ausgestoßener, zur Seite, der ihr alles Wichtige zum Überleben in der Wildnis beibrachte. Mehr noch: Er bildete Aloy zu einer mächtigen Kriegerin aus, damit sie die Aufnahmeprüfung in den Nora-Stamm bewältigen kann, selbst wenn dies bedeuten sollte, dass er auf Grund seines niedrigeren (oder: nicht vorhandenen) Status nie wieder in Kontakt mit Aloy treten darf. Doch viel wichtiger und essentieller als die Aloys Aufnahme in den Stamm, ist die Suche nach ihrer Mutter, um die sich anscheinend irgendein Mysterium spannt.

Dies ist allerdings nicht das Einzige, was zur „Gesamtverwunderung“ beiträgt. Das komplette Setting wirft… nicht nur für Alloy… Fragen auf. Horizon Zero Dawn spielt in einer Welt, in der die gesamte Weltbevölkerung nahezu ausgelöscht und wieder in die (fast) Steinzeit zurückversetzt wurde, was allerdings nicht bedeutet, dass die Welt ihre gesamte Technologie verloren hat. Durch die bezaubernden Landschaften, mit weiten Tälern, üppigen Wäldern und schneebedeckten Bergen, wandern nun seltsam anmutende Maschinen-Tiere, die Dank ihrer KI selbständig agieren und gar ein „soziales“ Leben in ihrer eigenen Herde führen. Dem Menschen gegenüber, agieren die Mech-Tierchen, die mitunter eine beachtliche Größe erreichen (wie auch immer sie „wachsen“ mögen), nicht wirklich friedlich. Stets muss man auf der Hut sein, sich möglichst ruhig verhalten, um nicht niedergetrampelt, oder beschossen zu werden. Zum Glück gibt es aber hier und da noch einige echte Lebewesen, wie Hasen, oder auch Truthähne, die im Einklang mit der Natur… und den Maschinen leben.

Es ist schon eine merkwürdige, postapokalyptische Welt, in der Aloy heranwächst. Niemand weiß so recht, was es mit den Maschinen auf sich hat. Zaghaft bedient man sich alter, seltsamerweise noch funktionierender Technologien, führt aber ein eher rückständiges Leben in der freien Natur, in der noch zahlreiche Überbleibsel einer anscheinend einstigen Zivilisation zu erkennen sind. Man erkennt Autobahnen, oder auch Häuserruinen und Windkraftanlagen… zumindest was davon übrig blieb, denn die Natur eroberte sich im Laufe der Zeit erbarmungslos ihren Raum zurück. Über allen Stämmen, die in der Wildnis ein rückständiges Leben führen, steht die „Hauptstadt“ Meridian. Eine prunkvolle Bergfestung, mit zahlreichen Behausungen, die den Zahn der Zeit ziemlich gut überstanden hat.

Es ist faszinierend, welche Welt Guerilla Games geschaffen hat. Dicht klebt man mit der Nase am Bildschirm, um auch die kleinsten Details aufzusaugen, die die bezaubernd organische Welt, mit ihren teils seht anorganischen Lebewesen so bietet: Prächtige Farben, die man in den Killzone-Spielen doch so sehr vermisste, bestückt mit Elementen, von denen man meinen könnte, direkt aus der Shooter-Serie zu stammen… allerdings eben in einer Zukunft, in der sich die Menschheit (bzw. die Helghans) beinahe selbst ausrottete. Aber ich schweife wohl ab…

Technik gibt es in Horizon Zero Dawn nicht nur in Form der metallischen Fauna. Auch Aloy bedient sich etwas, was man wohl einen „Augmented Reality Communicator“ nennen könnte. Schon in jungen Jahren fand sie ein gar mysteriöses Artefakt, genannt Fokus, das sie seither mit “Zusatzinformationen” versorgt. Der Fokus zeigt ihr die Schwachstellen der Mech-Wesen, scannt die Gegend nach verwertbaren Items, dient als praktischer “Feind-Finder” in der Dunkelheit, oder auch als “Hacker-Gadget”. So stürzen sich dann die einst feindlich gesinnten Tierchen, nach einem “Override”, mit Aloy in den Kampf, oder lassen sich dazu überreden, fortan als Reittier zu dienen.

Im Verlauf des Spiels muss man allerdings feststellen, dass nicht nur Aloy so einen schmucken Fokus besitzt. Im Gegenteil. Man hat es sogar mit sehr vielen Leuten zu tun, die sich der einstigen Hochtechnologie bemächtigen. Das Blöde ist nur: Es handelt sich hierbei um einen gesamten Kult, der (wie so oft) nichts Gutes im Schilde führt. Was hat dies allerdings mit ihrer Mutter zu tun? Wo kommen eigentlich all diese Mech-Wesen her? Irgendjemand oder… etwas… muss die doch zusammenschrauben. Was hat Aloy gefrühstückt, dass sie ohne Pause kilometerweit rennen kann? Und warum gibt es innerhalb Sekunden brachiale Wetterwechsel? Fragen, die hier leider nicht geklärt werden.

Gras ist dein Freund!
Wer in Horizon Zero Dawn möglichst heil durch die Welt kommen möchte, der sollte möglichst mit bedacht durch die Landschaft laufen, sofern potentielle Feinde lauern. Die Rabo-Tiere verstehen absolut keinen Spaß und greifen sofort an… es sei denn, man pirscht um sie herum, oder versteckt sich im hohen Gras, aus dem heraus sich 1A Schleich-Attacken ausführen lassen.

Meist ist nicht der Schlagkraft der Roboter schädlich für die Gesundheit (manche sind wirklich enorm groß, enorm tödlich und enorm schlecht gelaunt)… machmal ist es eben einfach nur die schiere Menge an Tierchen, die einem zum Verhängnis werden kann. Darüber hinaus, werden meist schwächere, oder behäbigere (und dennoch durchaus tödliche) Wesen und nervigen und ziemlich agilen “Wächtern” begleitet. Und dann gibt es diese Hochhaus großen Dinger, die einfach stur in der Gegend ihre Kreise drehen, von deren Köpfen man allerdings eine super Aussicht hat.

Insgesamt steigt die Gefahr, die von den Tieren ausgeht, je weiter man im Spiel voran schreitet. Jede Art hat so ihre Feinheiten, wie man sie erledigt. Wie erwähnt, gibt es diverse Schwachstellen, wie etwa entzündliche Tanks auf dem Rücken, oder teilweise gut gesicherte Elemente auf der Bauchunterseite. Es braucht seine Zeit, bis man alle Taktiken erlernt, um alle Mechs effizient zu erledigen. Nicht immer sind Fernangriffe erfolgreich, denn neben dem Bogen, hat auch der Speer eine ziemliche Schlagkraft… vor allem aus dem Hinterhalt. Was Bosskämpfe betrifft, so variieren auch diese. Deckung gibt es mitunter aber nur selten und so rennt man wild umher und stellt sich zu Beginn schon mal auf einen zähen Kampf ein, der über Minuten dauern kann.

Die Kämpfe gegen menschliche Gegner sind in Horizon Zero Dawn eigentlich kein Hindernis. Im Prinzip genügt schon ein effektiver Kopfschuss aus (sofern keine Rüstung hindert), um einen Gegner zu erledigen. Kleinere Beschüsse werden mehr oder weniger hingenommen. Zieht man den Kopf also nach einem Schuss, der nur so halb getroffen hat, wieder ein (im hohen Gras etwa), dauert es nur wenige Augenblicke, bis der Alarmzustand des potentiellen Opfers wieder bei Null ist. Schwieriger sind schwer bewaffnete Gegnertypen… solange man direkt vor ihnen steht. Ein Bündel an Brandpfeilen und auch dieses Problem löst sich in Rauch auf.

Insgesamt muss man schon sagen, dass sich menschliche Gegner nicht sonderlich intelligent verhalten. “Oh… eine Leiche!?! Es muss hier wohl einen Eindringling geben!!11elf” (kurze Wartezeit, in der man intensiv die Leiche begutachtet… (übrigens DIE Gelegenheit auch hier schnell einen Kopfschuss zu verpassen)) “War wohl nichts!” … das Übliche eben.

Gibt Aloy mal den Löffel ab, so kann dies manchmal auch ziemlich frustrierend sein. Nicht, weil etwa die Ladezeiten einem zu lang vorkommen könnten, sondern auf Grund des Savepoints. In der Wildnis verteilt, gibt es zahlreiche Lagerfeuer, an denen man seinen Fortschritt speichert (und speichern sollte). Stirbt man allerdings mal nach mehreren harten Kämpfen fernab eines Lagerfeuers, muss man sich damit abfinden, abermals den langen Weg zu bestreiten, den man bereits zurückgelegt hat, als auch nochmals die ganzen Feinde zu erledigen. Nervtötend und zeitintensiv. Savepoints in “geschlossenen Abschnitten” sind teils freundlicher gestaltet.

Was das Waffenarsenal betrifft, so gibt es in Horizon Zero Dawn nicht wirklich eine große Auswahl. Im Grunde bleibt man seiner Nahkampf-Lanze treu und rüstet dann und wann mal seinen Bogen auf. Im Grunde kann man schon ziemlich am Anfang den Bestmöglichen erwerben, wer ein wenig Zeit für’s Farmen aufwendet. Weiterhin stehen einem noch ein Fallenwerfer und eine Schleuder (für Brand- und Elektron Granaten) zur Verfügung, oder auch ein praktischer “Pfeilankerwerfer”, mit dem man die Mech-Biester am Herumlaufen hindern kann, um dann in aller Ruhe die Schwachpunkte mit den Pfeilen zu bearbeiten.

Im Grunde sind nicht immer die Waffen ausschlaggebend, wie gut (oder schlecht) man einen Gegner auf’s Korn nimmt, sondern die eigene Geschicklichkeit, mit Pfeil und Bogen umzugehen, wobei auch hier einige Hilfsmittel, wie etwa ein kleiner “Zeitlupenmodus”, hilfreich sein kann.

Rollenspiel light
Was für ein Rollenspiel auch eher untypisch ist, ist das Fehlen eines festen Fertigkeitenbaums, mit einer festen Klassenauswahl. In Horizon Zero Dawn gibt es zwar auch einen Skilltree (mit 3 Geschmacksrichtungen), allerdings darf der Spieler seine Erfahrungspunkte frei verteilen, um sich die Vorteile einer jeden Skilltree-Verzweigung herauszupicken. Für wahre RPG-Fans vielleicht eine “zu leichte Kost”.

Jäger und Sammler kommen in Horizon Zero Dawn voll auf ihre Kosten, denn so schnell war ihr Säcklein an Items wohl noch nie gefüllt. Neben zahlreichen Bauutensilien für seine dringend benötigten Pfeile, gibt es (dank der Tiere) noch allerhand Metallabfall, den man aufgabeln darf, sowie antike Relikte (eine Armbanduhr etwa) und andere Rohstoffe, die man für die Herstellung wichtiger Items benötigt (manchmal muss hierzu leider auch ein Häschen seine Löffel abgeben). Für den gelegentlichen Smalltalk, dient das bekannte Dialogauswahlrad. Mittels etwaigen “Dialog-Stichpunkt-Vorgaben” treibt man ein Gespräch voran, und entscheidet mitunter auch wieder, welche “Stimmung” Aloy zum Ausdruck bringen soll.

Wenn mal kein Gesprächspartner zur Verfügung steht, spricht Aloy das aus, was ihr am Herzen liegt. Mal ist es ihr zu kalt, der Schnee zu schneeig… im Prinzip ein stetiger Mix aus Jammern und Selbstzweifel. Irgendwie kratzt dies am Image, das so sehr rebellisch und gewitzt daher kommen soll.

An sich sind die Hauptcharaktere gut (und glaubhaft) in Form gegossen worden. Die Dialoge sind vielleicht mal hier und da hölzern, grundsätzlich gibt es aber kaum was zu meckern. Nebenfiguren kommen allerdings etwas “zweidimensional” und einfach gestrickt daher. Neben gesprochenen Dialogen, gibt es auch in Horizon Zero Dawn jede Menge “Datensätze”, die jeder Spieler für sich (in aller Stille) lesen darf, um mehr über die Vergangenheit zu erfahren.

Sinneseindrücke, die sich gewaschen haben
Also… um mal nicht übertreiben zu wollen… aber Horizon Zero Dawn ist wohl das Schönste, was es je auf der PS4 gegeben hat. Schon erstaunlich, was Guerilla Games hier so aus dem Hütchen zauberte. Die Lichteffekte sind atemberaubend! Oft nimmt man sich beim Spielen zu wenig Zeit, um die unterschiedlichen Lichtspiele auf sich wirken zu lassen, sollte man aber mal tun. Wie emsig sich das Sonnenlicht durch die dicken Wälder und deren Astwerk kämpft, oder am Horizont, kurz vor dem Untergehen, noch mal die Welt mit ihren vielfarbigen Licht durchflutet (mit drölfzig Lensflare-Effekten “on top”), oder auch das sanfte Licht in den Gassen von Meridian. Nicht zu vergessen, das romantische Mondlicht, das auf dem kleinen See vor sich hin schimmert, während im Hintergrund die Augen der unsympathischen Mech-Wesen die Stimmung gleich wieder versauen. Kurz gesagt: Bunt ist das Dasein und granatenstark. Gut, dass es im Spiel noch einen praktischen Foto-Modus gibt, mit dem man die aktuelle Szene für die Ewigkeit festhalten kann. Freilich kann man hier an einigen Schrauben drehen, was Tageszeit, Lichtstärke- und Farbe, oder etwa auch den Fokus betrifft. Neben den Lichteffekten, gibt es im Spiel auch dynamische Wettereffekte, wie kleinere Stürme, oder Regen, die ebenfalls zur Stimmung beitragen.

Vielleicht weit wichtiger, als die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, ist allerdings das Design der Kreaturen. Guerilla Games hat es geschafft, eine technische Fauna zu erschaffen, die sich harmonisch in die Natur einfügt. Die Tiere selbst wirken wie eine Mischung aus “Zukunft und Dinosaurier”. Faszinierend und tödlich. Eine blöde Mischung für Forscher. Bei den eher gewöhnlichen Robotern, merkt man die Killzone-Vergangenheit der Entwickler, was aber nicht negativ ausgelegt werden soll, denn auch schon das Design der Shooter-Serie war stets hervorragend. Ebenfalls hervorragend ist natürlich die Gestaltung der Charaktere, allen voran freilich die gute Aloy, samt deren Mimikspiel. Der Grad an Details ist einfach großartig.

Das Sounddesign ist überragend gut geworden. Brachial brettert der Ton durch die Senken der Wildnis, wenn eine Horde Mech-Riesen durch die Gegend trabt, fröhlich das Schnattern des Wächter-Mechs, wenn er denkt, es sei alles in Ordnung, bis er quietschend sein Leben aushaucht. Es rauschen die Winde und falls die Naturgeräusche mal zu wenig sein sollten, dann gibt es den enorm stimmungsvollen Soundtrack zu hören, der vor allem bei Bosskämpfen für eine saugute Stimmung sorgt. Auch die Dialoge wurde sehr gut eingesprochen (selbst die deutsche Fassung), auch wenn hier und da etwas „Farbe“ fehlt.

Ein Platz zum Verweilen
Die Welt von Horizon Zero Dawn ist unwahrscheinlich groß und so gibt es naturgemäß auch allerhand zu entdecken. Wer abseits des Hauptquests noch etwas Spaß haben möchte, wird seine Freude in den zahlreichen Nebenquests haben.

Kernelelement ist und bleibt aber die Story selbst, die mit zahlreichen Wendungen zu überraschen weiß. Insgesamt möchte man so tief wie möglich in die Geschichte eintauchen, sofern dies Horizon Zero Dawn eben zulässt und somit einige Fragen, auf Grund erzählerischer Löcher, leider unbeantwortet lässt.

Insgesamt ist dies dann doch eher meckern auf hohem Niveau, denn was Guerilla Games mit Horizon Zero Dawn abliefert, kann doch schon als kleines Meisterwerk bezeichnet werden, denn der Spieler erhält ein absolut rundes Gesamtpaket serviert, das in dieser Generation bislang…. man möchte schon sagen…. beinahe konkurrenzlos da steht. Bis jetzt.

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