Im Test: Remember Me

Unsere Erinnerungen sind doch das wertvollste, was wir besitzen. Dank ihnen haben wir stets Zugriff auf die schönen, aber auch traurigen Erlebnisse unseres Lebens. Was wären wir, wenn wir plötzlich all unsere gespeicherten Erinnerungen verlieren würden? Nur noch ein Schatten unserer selbst.

Doch wie wäre es, wenn wir uns zum Beispiel an etwas erinnern könnten, das wir gar nicht erlebt haben? Vielleicht hat man ein nur eher normales Leben und könnten uns niemals eine Reise zum Mond leisten. Wäre es nicht großartig, wenn wir uns diesen erhabenen Moment nicht irgendwie „leihen“ könnten? Die Glücksgefühle wären unbeschreiblich und das ganz ohne Drogen, die uns Nachhaltig verändern!

Nur ein Traum? Natürlich nicht, denn dank M3MORIZE und der Sensen™-Technologie ist dies jederzeit möglich! Für jede Angelegenheit gibt es die passende Erinnerung – Jederzeit und erschwinglich für Jedermann! Alles was man dazu benötigt, ist das passende Sensen™-Modul, dass im Nacken implantiert wird. Die schöne neue Welt kann kommen!

(Die Benutzung der Sensen™-Erinnerungen erfolgt uneingeschränkt auf Ihr eigenes Risiko und M3MORIZE übernimmt keine Verantwortung oder Haftung für Inhalte, die Benutzung oder die Verfügbarkeit , sowie Wahrhaftigkeit, Richtigkeit, Vernunftmäßigkeit, Zuverlässigkeit und Vollständigkeit der angebotenen Sensen™-Erinnerungen.)


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Schöne neue Welt? Wir schreiben das Jahr 2084. Ort: Neo-Paris. Es gibt keinen mehr, der sich nicht die Sensen™-Technologie implantieren ließ. Seit dem sich der M3MORIZE die Kontrolle über unser Leben gekrallt hat, hat sich die Welt in einen dystopischen Überwachungsstaat verwandelt. Allerdings ein teilweise sehr hübscher Staat, wenn man mal von den Slums absieht. Bunt ist das Leben und granatenstark. Neonreklametafeln, sind persistente Bestandteile des öffentlichen Lebens, sowie auch die Erinnerungsautomaten der Firma M3MORIZE, bei denen man sich Tag und Nacht mit einer neuen Erinnerung das triste Leben versüßen kann, aber auch diverse Androiden, die sich nicht nur um die Stadtreinigung kümmern, sondern auch Liebesdienste anbieten. Dass das mit der Zeit abhängig macht, ist nicht weiter schlimm, solange es zahlungskräftige Kunden gibt.

Es gibt nur einen Nachteil: Mit der hochgelobten Sensen™-Technologie kann man sich nicht nur mit neuen Erinnerungen versorgen, sondern muss sich auch damit abfinden, dass man selbst ein gläserner Bürger dadurch wird. Die eigenen Erinnerungen sind jederzeit durch fleissig agierende Erinnerungsjäger greifbar. Und M3MORIZE selbst kann auf Schritt und Tritt die Gedanken ihrer „Bürger“ verfolgen. Irgendjemand muss dem doch Einhalt gebieten können, oder?

Nun, da gibt es eine „Erroristen“ genannte Truppe, die quasi den Widerstand darstellt. Diese Gruppierung sendet nun ihre Rebellen aus (darunter ehemalige Erinnerungsjäger), um den repressiven Staat zu stürzen.

Unsere Titelheldin „Nilin“ ist nun eine dieser Rebellen. Gerade noch konnte sie geistig verwirrt aus einer „Erinnerungsentsaftungsanlage“ durch einen Hacker namens „Edge“ befreit werden, um so auch dem Schicksal zu entgehen, ein „seelenloser Zombie“ zu werden, sofern man die Prozedur überhaupt überlebt. Noch hat sie keine Ahnung, was sie erwartet, doch nach und nach kehrt ihre Erinnerung zurück…

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Reminiszenz.
Selten war ich von einem Spieleinstieg so beeindruckt, wie hier. Remember me erzeugt eine absolut dichte und packende Atmosphäre. Man wird quasi ins kalte Wasser geworfen und mit seinen Fragen zunächst alleine gelassen. Man weiß nur, dass man eine hübsche Dame spielt, die sich gerade in einer ziemlich ausweglosen Situation befindet. Während man sich quasi auf der „Green Mile“ bewegt, sieht man in Zellen einige verstörte Menschen. Was machen wir hier eigentlich? Wie sind wir eigentlich in die Situation geraten? Und wer zum Teufel sind wir eigentlich?

Über das Sensen-Modul meldet sich kurz bevor wir ein „die Maschine“ angeschlossen werden, auf der gerade ein Vorgänger sein Lebenslicht aushauchte, ein ominöser Typ namens „Edge“. Ohne lange um den heißen Brei zu reden, gibt er uns Instruktionen, wie wir aus dieser Anstalt fliehen können und gibt hin und wieder einige Infos preis, mit denen wir uns ein Bild über unsere Spielfiguren machen können.

Nichts wie raus aus der Hölle. Doch die Reise führt uns zunächst in die Slums von Neo-Paris, wo wir auf sogenannte „Leaper“ trifft: Der Abschaum der Gesellschaft. Diese Typen sprechen wirr (wie Gollum) und sehen aus, wie lebendige Leichen (ebenfalls wie Gollum). Sie durchstöbern die Abfälle nach brauchbaren Materialien und anderen „seelenlosen Zombies“, die halb tot aus der M3MORIZE-Fabrik ausgespuckt wurden — ohne Erinnerung, ausgebrannt und eigentlich ohne Chancen, jemals wieder ein normales Leben führen zu können.

Auch wenn „Nilin“, so der Name unserer Heldin, etwas Mitleid für die desolaten Figuren empfindet, muss sie schnell lernen, sich gegen diese Wesen zu wehren, da sie einem schnell an den Kragen gehen. Noch befinden wir uns quasi im Tutorial und lernen die Grundschritte im Nahkampf. Diese bestehen aus diversen Kombos, welche durch den Druck auf die Dreiecks und Vierecks-Taste ausgelöst werden. Anfangs stehen noch wenige Kampfkombos zur Auswahl. Das spannende an der Sache ist, dass man sich die Kombos, also die Abfolge der zwei Tasten, selbst zusammenstellen kann. Entweder sind so harte Schläge möglich, aber auch Spezialkombos, mit denen man Lebensenergie zurückgewinnen kann (mehr dazu später nochmals).

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Ein wenig wie Mirror’s Edge…
Gut, der Vergleich ist so nicht ganz richtig. Erstens spielt man in Remember Me aus der 3rd Person Perspektive, zweitens sind die Lauf und- Klettereinlagen nicht ganz so ausgefeilt und drittens ist die Spielwelt nicht so steril.

Aber wie in Mirror’s Edge bewegt man sich auf vorgeschriebenen Laufrouten, die uns zum einem Edge vorgibt und auf der anderen Seite durch gelbe Pfeile markiert werden. Das mag vielleicht in einem Spiel, das auf Schlauchleveln basiert, etwas obsolet wirken, störend ist dies allerdings nicht,

Neo-Paris gehört wohl zu den hübschesten Spielwelten der letzten Zeit (auch wenn auf ein OpenWorld-Szenario schon auf Grund des knappen Budgets verzichtet wurde. Dabei musste man schon fürchten, dass das Projekt insgesamt nie das Licht der Welt erblicken würde, wurde es doch vor einigen Jahren von Sony für nicht wichtig genug empfunden. Wäre da nicht Capcom, wäre uns dieser Titel wahrscheinlich entgangen). Unglaubliche viele Details wurde in die Architektur gesteckt. Selbst die dreckigen Slums wirken nicht gewollt, sondern auf einer Art irgendwie bezaubernd! All die Farben! All die schönen Gebäude! Und was das Stadtleben betrifft, so erhält man einen lebendigen Eindruck. Hier wuseln Androiden rum, dort gehen Menschen ihrer alltäglichen Tätigkeit nach und dort labert einem eine nervige Reklametafel wieder schräg von der Seite an.

Wie erwähnt, bewegt man sich meist rennend und kletternd fort. Hierzu darf man diverse Fenstersimse erklimmen, über Mauervorsprünge hüpfen, oder sich an diesen entlang hangeln, oder auch mal gerne eine Dachrinne nach unten rutschen. Natürlich gibt es hier Gefahren, wie zum Beispiel unter Strom stehende Gitter, oder Killerdroiden. Geschicklichkeit und behutsames Vorgehen, ist hier oft gefragt.

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Everybody is Kung-Fu fighting…
Wie erwähnt darf in Remember Me das Button mashen nicht fehlen. Dazu wurde ein rudimentäres Kampfsystem integriert, mittels dem man nun mit nur zwei Tasten kräftig austeilen darf. Ähnlich wie in den üblichen Prüglern bietet Remember Me allerdings kein Deckungssystem. So gilt es, den Feinden möglichst zeitig auszuweichen, oder, sofern sich die Möglichkeit anbietet, über diesen mittels der Sprungtaste hinweg zu hüpfen.

Das Kombosystem klingt auch komplizierter, als es ist. Wichtig ist eigentlich nur, dass man das Timing genau beachtet, wann man die Dreieck und Viereck-Taste zum Einsatz bringt. Natürlich kann man munter drauf los dreschen, will man aber seine Lebensenergie wieder aufladen, dann sollte man die vordefinierten Tastenabfolgen auch genau beachten. Je genauer, desto höher fällt dementsprechend auch der Bonus aus.

Im Spielverlauf kommen nicht nur viele Kombos (die mitunter ellenlange Tastenkombinationen erfordern), sondern auch Spezialattacken, wie etwa „Raserei“, die mittels L2 Taste ausgelöst werden. Diese Attacken stehen einem allerdings nicht unbegrenzt zur Verfügung. Einerseits muss man abwarten, bis das System
wieder „abkühlt“, zum anderen braucht man genug „Focus“. Beides lässt sich mittels Kombos im Kampf aber wieder zurück gewinnen, beziehungsweise aufladen.

Man wird in der Regel nicht von einem Kampf überrascht. Öffnet sich das Level zu einer „Arena“ hin, weiß man schon, dass man sich auf eine Horde Feinde gefasst machen muss. Man bekämpft stets Grüppchen, mal große, mal kleine, lassen sich aber meist ohne großen Aufwand ausschalten. Trickreicher muss man da schon bei Bosskämpfen vorgehen. Teilweise werden sie von Leapern begleitet. Diese sollten zu aller erst ausgeschaltet werden, da sie dem Boss zusätzliche Energie verleihen. Hat man das im Prinzip simplen Ausweich- und Angriffmanöver gut einstudiert, sollte man sich trotzdem nicht all zu lange mit den Bosskämpfen aufhalten.

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Scio me nihil scire
Die gute Nilin ist übrigens nicht nur irgendeine Kämpferin der Widerstandsbewegung, die ihr Gedächtnis verloren hat (und langsam zurückgewinnt). Sie war eine „Erinnerungsjägerin“… sogar eine der Besten, arbeitete also für den jetzigen Feind. Demzufolge verschaffen ihre Fähigkeiten, die Gedächtnisse der Menschen aufzusaugen und sogar zu manipulieren weiteren Grund und Boden für Rätseleinlagen.

Die Gedächtnismanipulation ist teil eines Trail and Error-Minispiels. Man steigt in die Erinnerung eines Opfers ein und sieht diese zunächst wie einen Film vor sich abspielen. Ist man am Ende angelangt, gilt es nun bestimmte Triggerereignisse zu finden, um die Erinnerung entsprechend zu verändern. Nicht alle Trigger führen allerdings zum Ziel, so muss man oft vor- und zurückspulen um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Leider kommen Gedächtnismanipulation im Spiel viel zu wenig vor und das, obwohl diese am meisten Spaß machen…

…mehr als der einfache „Diebstahl“ einer Erinnerung. Man sieht dann vor sich ein in Augmented Reality ablaufendes „Spiegelbild“ der Erinnerung. Dieser „Spiegelfigur“ muss man einfach folgen, die selben Tasten drücken… fertig. Nicht wirklich ein großes Rätsel.

Auch nicht gerade schwer sind weitere „Suchrätsel“ (Truppen des Widerstands hinterlassen ab und an Bilder, die einen Ausschnitt der aktuellen Umgebung zeigen. Es gilt sodann das (zum Beispiel) abgebildete SAT-Kit (findet man 5 davon, wird der Lebensenergiebalken um einen Abschnitt erweitert) zu finden. Auch nicht schwer, da das „Versteck“ auch meist ohne „Hinweis“ locker zu finden ist, wenn man nicht stur dem Pfad folgt.

Ausgerechnet das Kernelement des Spiels, also dieses ganze Erinnerungsdings, kommt in Remember Me leider viel zu kurz. Dann hat man wirklich potential verspielt!

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Klang und Wunder
Der Soundtrack ist phänomenal stimmig und zieht einen richtig ins Spiel rein! Neben Orchestersound gibt es allerhand elektronisches auf die Ohren. Teilweise sehr düster, aber immer klangvoll und schön!

Weit weniger schön ist die deutsche Synchro. Obwohl sich die Sprecher (mal von wenigen Einzelfällen) wirklich Mühe geben, die Charaktere lebendig und glaubwürdig rüberzubringen, leidet Remember Me leider unter akuter Lippenunsynchronität. Das fällt in den Zwischensequenzen wirklich sehr unschön auf. Auch nicht gerade gut gelöst sind einige Übersetzungen. Das wird ausgerechnet dann zum Verhängnis, wenn es um ein zu lösendes Rätsel geht. Diesen Fehler kann man aber leicht umgehen, indem man auf die englische Sprache mittels Optionsmenü umstellt. Dort läuft alles flüssig und die Sprecher geben hier wirklich ihr Allerbestes!

Fazit:
Obwohl Remember Me zu Beginn wirklich rockt und absolut gut in Szene gesetzt wurde, bekommt man doch irgendwie das Gefühl, dass während der Entwicklung zum Ende hin irgendwie geschlampt wurde… wohl auch um das beinahe Tod geweihte Projekt doch noch zu Ende zu bringen. Ich kann mir das halbherzig umgesetzte Erinnerungsmanipulationsfeature ansonsten nicht anders erklären. Wie gesagt: Ausgerechnet der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte kommt viel zu kurz. Zudem werden im Laufe des Spiels die Fragezeichen immer mehr, was wohl auch daran liegt, dass der rote Faden teilweise verloren geht. Schade. Die Ton. Und Sprachaussetzer in der deutschen Version hätten nicht sein müssen. Das stört das Gesamtbild.

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